Künstliche Intelligenz im Rechtswesen – kurzfristiges Phänomen oder langfristiger Trend?

Künstiche Intelligenz im Rechtswesen – kurzfristiges Phänomen oder langfristiger Trend?

Mit der fortschreitenden Digitalisierung wird auch das juristische Arbeitsumfeld immer weiter verändert. Von der Einführung der elektronischen Akte in der Verwaltung, über ausgefeilte Software-Lösungen bis hin zum Einsatz spezieller Algorithmen – der Druck durch neue, auf den Markt drängende Legal-Tech-Unternehmen auf bestehende Kanzleien steigt.

Laut einer Umfrage des Freie Fachinformation Verlags aus 2020 ist die größte Motivation unter Juristen, sich mit Legal Tech auseinanderzusetzen nach wie vor die Steigerung der Effizienz bei gleichzeitiger Kostenreduktion und Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit. Dabei gaben immerhin rund 30 Prozent der Befragten konkret an, dass die Einführung individueller Legal-Tech-Lösungen geplant sei. Dies zeigt, dass an Legal Tech kein Weg mehr vorbeiführt. Vor allem in der Corona-Krise haben einige der Legal Tech-Startups erheblichen Zuwachs verzeichnen können. Gestrichene Flüge, Bahnfahrten oder Pauschalreisen führten dazu, dass immer mehr Verbraucher ihren Rechtsanspruch durchsetzen wollten – mit möglichst geringen Kosten und wenig Risiko. Eine Bedrohung für den klassischen Anwaltsberuf?


Legal Tech – eine Definition

Legal Tech steht allgemein für IT-gestützte Anwendungen, die juristische Arbeitsprozesse unterstützen. So sollen Arbeitsabläufe effizienter und damit kostengünstiger werden. Der Einsatz verschiedener Software-Programme und Datenbanken ist mittlerweile in vielen Kanzleien Alltag. Die Software arbeitet weitestgehend mit Wenn-Dann-Regeln. Mit künstlicher Intelligenz geht man noch einen Schritt weiter: Artificial Intelligence (AI) oder auf Deutsch künstliche Intelligenz (KI) beschäftigt sich mit der Automatisierung intelligenten Verhaltens und maschinellen Lernens. Hier arbeiten Algorithmen zwar auch zunächst mit Regeln, im Unterschied zur Software passen sie diese aber immer wieder aufgrund von bereits gelösten Problemstellungen und Daten an und versuchen, Muster zu erkennen. So können über KI sogar komplette Rechtsdienstleistungen abgebildet und menschliche bzw. juristische Entscheidungsprozesse nachempfunden werden.

Eine Vielzahl an jungen Tech-Unternehmen hat das Thema für sich entdeckt – und weiß es wirtschaftlich zu nutzen. Plattformen wie flightright.de, die sich auf Fluggastentschädigungen spezialisiert haben, oder wenigermiete.de, deren Kerngeschäft unzulässige Mieterhöhungen sind, strömen auf den juristischen Markt. Der Lockdown mit seinen Folgen hat sein Übriges dazu getan, dass Rechtsportale bei Verbrauchern hoch im Kurs stehen. Das Unternehmen RightNow wirbt beispielsweise mit Rückerstattungsforderungen an Fitnessstudiogebühren während der pandemiebedingten Schließung oder Entschädigungsforderungen für Datenpannen im Impfzentrum.

Die Vorteile für die Verbraucher liegen auf der Hand: Sie erhalten eine schnelle Einschätzung ihrer Erfolgsaussichten zur Durchsetzung ihrer Forderungen bei geringen Kosten oder sogar komplett kostenfrei. Kritisch erscheint dabei, dass diese Programme eine anwaltliche Erstberatung nicht ersetzen können, dies aber den Kunden nicht unbedingt bewusst ist. Dabei sind sie deutlich günstiger und somit auch verlockend. Verbraucherschützer bemängeln zudem teilweise eine mangelnde Kostentransparenz. So sind die im Erfolgsfall fälligen Provisionen nicht immer transparent auf den Webseiten dargestellt und können unter Umständen sogar höher als bei einer Kanzlei ausfallen.

 

Wird der Anwaltsberuf bald obsolet?

Der Einsatz von Algorithmen und KI wird auch im juristischen Bereich nicht mehr wegzudenken sein. Tobias Heining, Vorstandsmitglied der European Legal Tech Association (ELTA), sagt im Interview mit LTO, dass es schlicht notwendig sei, mit bestimmten Tools zu arbeiten, um anwaltliche Leistungen auf andere Art zu erbringen, weil der Markt es erfordere. Darüber hinaus werde die Arbeitsbelastung weiterwachsen, sodass sie allein durch menschliche Arbeitskraft nicht aufzufangen sei.

Holger Zscheyge, Präsident der ELTA, gibt jedoch zu bedenken, dass die Erwartung, dass KI in fünf Jahren den Anwaltsberuf obsolet mache, völlig verfehlt sei. Dem stimmt auch Sabina Jeschke, Professorin am Lehrstuhl für Informationsmanagement im Maschinenbau der RWTH Aachen, zu. Zwar sieht sie es für realistisch an, dass in Zukunft viele standardisierte Prozesse mithilfe von Blockchain oder Algorithmen automatisiert werden können. Komplexere Rechtsfragen, die eine Abwägung erforderlich machen und oft auch Bewertungen im Hinblick auf Ethik und Moral miteinschließen, werden so schnell jedoch nicht durch maschinelle Prozesse abgebildet werden können.

Der Jurist der Zukunft wird, so die übereinstimmende Meinung der Experten, also nicht durch KI ersetzt werden, sondern er wird lernen müssen, die Digitalisierung aktiv zu gestalten und zu nutzen. So können sich Juristen zukünftig auf komplexe Fragestellungen konzentrieren und schwierige Abwägungsentscheidungen treffen, während stark formalisierte und standardisierte Aufgaben durch die voranschreitende Technologisierung erledigt werden können.

Sabina Jeschke nennt hier noch eine weitere Veränderung: Die IT-Kenntnisse der Juristen werden sich mit der technologischen Entwicklung ebenfalls weiterentwickeln. IT-Kompetenz werde weit über die bloße Bedienung eines Computers hinausgehen und ein wesentlicher Bestandteil des Anwaltsberufs sein. Für Holger Zscheyge stellt dies jedoch kein Problem dar – für ihn seien Anwälte genauso technologieaffin wie andere Berufsgruppen auch. Und, so ergänzt Jeschke, der Nachwuchs, der aktuell an den Universitäten studiere, gehöre zur Gruppe der Digital Natives und sei daher mit den neuen Technologien aufgewachsen. Dennoch müsse die Ausbildung – egal in welchem Bereich – interdisziplinärer sein. Insbesondere der Fachbereich Jura müsse das Thema Digitalisierung neu denken und direkt in den Lehrplan integrieren.

 

Der Rechtsmarkt – kein Selbstläufer für Bot und Co.

Letztlich sind für den Einsatz von KI oder Deep-Learning-Systemen auch längst nicht alle regulatorischen Fragen geklärt. Erst im April dieses Jahres hat die EU-Kommission einen Entwurf für eine Verordnung zur Festlegung von harmonisierten Regeln für KI veröffentlicht. Die Bundesrechtsanwaltskammer sieht das als einen ersten wichtigen Schritt an, äußert jedoch auch Nachschärfungsbedarf.

Auf dem Rechtsmarkt schwelt währenddessen weiterhin der Streit zwischen Legal-Tech-Unternehmen und Anwaltskammern, denn insbesondere Beratungsdienstleistungen dürfen aus Schutz vor unqualifizierter Rechtsberatung nur von Rechtsanwälten erbracht werden. Dass dies nicht immer eindeutig ist, zeigt das kürzlich gefällte Urteil des Bundesgerichtshofs zu den Online-Vertragsangeboten von Smartlaw. Der BGH urteilte zugunsten des Online-Anbieters von Verträgen, die klagende Anwaltskammer sieht nach wie vor die Gefahr einer Falschberatung für die Verbraucher. Und obwohl das Urteil vielleicht ein kleiner Sieg für die Anbieter automatisierter Vertragsangebote ist, machte der BGH deutlich, dass dies kein Ersatz für eine anwaltliche Rechtsberatung sei. Selbst wenn in Zukunft einige Legal-Tech-Unternehmen ebenfalls konsolidiert werden oder teilweise wieder verschwunden sind: Es bringt Bewegung in den Markt.

 

Fazit

Langfristig werden KI und Algorithmen in bestimmten Rechtsfragen den Kanzleien
durchaus Konkurrenz bieten können. Ersetzen werden sie diese jedoch nicht. Vielmehr geht es nun darum, die Entwicklung der KI im Einsatz in der Juristerei aktiv mitzugestalten – technisch, ethisch, regulatorisch wie auch kulturell. Gerade in der Corona-Krise wurden viele Prozesse im Rechtsbereich digitalisiert, was sonst wesentlich längere Zeit in Anspruch genommen hätte. Diesen Effekt gilt es nun klug zu nutzen. Denn letztlich wird es auf eine Kombination aus Mensch und Maschine hinauslaufen, die sich gegenseitig ergänzen.

Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es vor allem Experten und Fachkräfte auf diesem Gebiet, die die Kanzleien – groß wie klein – auf diesem Weg unterstützen. Gut geschultes Personal und Knowhow werden also auch in Zukunft der Innovationstreiber bleiben – nur die Art und Weise, wie dieses eingesetzt wird, wird sich verändern.

 

Quellen:

https://legal-tech.de/Broschueren/FFI_Legal_Tech-Umfrage_2020.pdf

https://www.heise.de/hintergrund/Missing-Link-Kuenstliche-Intelligenz-als-richterlicher-Freund-und-Helfer-6151487.html?seite=3

https://www.jura.uni-muenchen.de/personen/f/fries_engel_martin/dateien/03-legal-tech-intelligenz.pdf

https://www.flightright.de/

https://www.wenigermiete.de/

https://www.rightnow.de

https://www.tab-beim-bundestag.de/de/pdf/publikationen/berichte/TAB-Arbeitsbericht-ab185.pdf

https://www.lto.de/recht/legal-tech/l/legal-tech-hype-anwaelte-ki-was-technologie-wirklich-veraendert-interview-praesidenten-elta/

https://kanzleilife.de/interview-mit-prof-dr-sabina-jeschke-zum-thema-anwalt-40/

https://ec.europa.eu/germany/news/20210421-kuenstliche-intelligenz-eu_de

https://www.brak.de/zur-rechtspolitik/stellungnahmen-pdf/stellungnahmen-deutschland/2021/august/stellungnahme-der-brak-2021-52.pdf

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/bgh-urteil-smartlaw-generator-101.html

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