Work-Life-Balance im Juristenalltag

Die heutige Arbeitswelt ist flexibler und agiler geworden. Es ist mittlerweile normal, innerhalb seines Berufslebens den Arbeitgeber mehrfach zu wechseln. Dazu kommen flexible Arbeitszeitmodelle wie Teilzeitlösungen oder Gleitzeit. Der gesellschaftliche Wandel im Job spiegelt sich aber auch in den Werten wider, die wir mit Arbeit verbinden. Stand beim Arbeitsmarkt 1.0 bis 4.0 noch die Optimierung der Arbeit selbst im Vordergrund, rückt mit dem Arbeitsmarkt 5.0 der Mensch mehr in den Fokus. An oberster Stelle steht zwar nach wie vor die finanzielle Sicherheit[1]. Mit eigener Leistung Wohlstand für sich und die Familie zu erreichen, ist für Beschäftigte in Deutschland sehr wichtig. Doch auch immaterielle Werte zählen immer mehr: Selbstverwirklichung im Job sowie eine ausgewogene Balance zwischen Arbeit und Privatleben werden immer bedeutender. Die sogenannte Work-Life-Balance ist heute ein entscheidender Faktor für viele Beschäftigte. Das Ziel ist, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Arbeitsalltag und Karriere sowie Familie und Freizeit zu ermöglichen[2].

Der Juristenberuf und die Work-Life-Balance

Gerade der Beruf des Juristen und die Tätigkeit in einer (Groß-)Kanzlei wird bisher eher mit einer geringen Work-Life-Balance verbunden. Viele Überstunden gelten vor allem bei den Big Playern als erwartbar und üblich. Die Sehnsucht nach Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben macht aber auch vor dem Anwaltsberuf nicht halt. Spätestens mit der Generation Y und Z, also den Jahrgängen ab den 1980er Jahren, hat sich das Berufsbild gewandelt. Als Konsequenz sehen sich gerade große Kanzleien mit Herausforderungen im Personalmanagement konfrontiert. So herrscht ein hoher Wettbewerb unter den Kanzleien um die besten jungen Köpfe. Viele Großkanzleien, bei denen Wochenarbeitszeiten von 80 Stunden oder mehr immer noch zum Alltag gehören, versuchen nach wie vor, dies allein durch extrem hohe Vergütungen zu kompensieren. Aber nicht jeder dieser heiß begehrten Absolventinnen und Absolventen oder auch Berufserfahrenen lässt sich nur noch über das Gehalt rekrutieren. Die Ansprüche der Bewerberinnen und Bewerber hinsichtlich weicher Faktoren sind gestiegen.

Wie wichtig ist Work-Life-Balance für Anwälte?

Wie sieht es nun im Anwaltsberuf aus? Ein Blick auf eine LTO-Studie[3] unter jungen Juristinnen und Juristen zeigt, dass die Mehrheit der Befragten noch unentschieden ist, ob eine gute Work-Life-Balance ausschlaggebender ist als ein gutes Gehalt. Jedoch nur fünf Prozent der Befragten gaben dem Gehalt eindeutig den Vorrang, während sich immerhin rund zehn Prozent eindeutig für die Work-Life-Balance als entscheidendes Kriterium aussprachen.

Auch eine aktuelle Umfrage[4] von PERCONEX unter knapp 400 potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten zeigt, dass die Work-Life-Balance unter den ersten drei wichtigsten Kriterien bei der Jobentscheidung zu finden ist. Demnach priorisieren Bewerberinnen und Bewerbern die Vergütung, transparente und nachvollziehbare Karrierechancen sowie eine ausgeglichene Work-Life-Balance.

Dabei lässt sich der Begriff Work-Life-Balance noch mit vielen weiteren „weichen“ Faktoren ergänzen, die für das Recruiting sowie für die Zufriedenheit im Job entscheidend sind: Neben den bereits angeführten Karrierechancen gehören ein guter Führungsstil, Wertschätzung für die eigene Arbeit, eine gelebte Unternehmenskultur, gute Weiterbildungsmöglichkeiten sowie Gesundheitsangebote zu den Kriterien, die für Bewerberinnen und Bewerber ausschlaggebend sind[5].

Welche Chancen ergeben sich daraus für Kanzleien?

Diese „neuen“ Faktoren bei der Jobauswahl mögen zwar zunächst eine Herausforderung sein, sie bieten aber auch Chancen für Kanzleien, um sich im Wettbewerb deutlich abzuheben. Denn Work-Life-Balance als notwendige Last für den Arbeitgeber zu sehen, ist zu kurz gedacht – richtig strategisch geplant und umgesetzt kann sie auch wirtschaftlich mehr Erfolg bringen: So profitieren Arbeitgeber mit einem Work-Life-Balance-Konzept von weniger Fehlzeiten, mehr Engagement und Leistungsbereitschaft sowie höherer Motivation ihrer Belegschaft. Außerdem zeigt sich ein positiver Effekt in einer geringeren Fluktuation. Eine Umfrage unter Associates zeigt, dass der Wunsch nach mehr Freizeit der häufigste Grund für einen Wechsel des Arbeitgebers ist[6]. Bei Frauen innerhalb der ersten sechs Berufsjahre ist dies für mehr als ein Viertel ein ausschlaggebender Wechselgrund. Bei den Männern vom vierten bis sechsten Berufsjahr immerhin für 17 Prozent.

Die Wirtschaftlichkeit von Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie verdeutlicht ganz konkret eine Studie von Roland Berger im Auftrag des Bundesfamilienministeriums[7]. Dazu wurden Kosten im Zusammenhang mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie (unter anderem Betreuungs- und Beratungskosten, Kosten für die Bereitstellung von flexiblen Arbeitszeitmodellen und Homeoffice-Angeboten sowie der Aufwand von Führungskräften für die Steuerung und Kommunikation) möglichen Kosteneinsparungen durch geringere Überbrückungskosten (wie Anwerbe-, Auswahl-, Einstellungs-, Weiterbildungs- und Einarbeitungskosten von Ersatzpersonal), geringere Wiedereingliederungskosten und geringere Fehltage gegenübergestellt. Demnach kann die sogenannte „Vereinbarkeits-Rendite“ für Unternehmen bei bis zu 25 Prozent liegen.

In der Umsetzung kann nicht jede Kanzlei eine feste Wochenarbeitszeit anbieten oder das Gehalt über dem Wettbewerb ansiedeln. Hier können flexible Arbeitsmodelle und -lösungen helfen. So können beispielsweise Teilzeitlösungen für mehr Vereinbarkeit von Job und Familie eingeführt werden, was unter anderem für Alleinerziehende eine entscheidende Hilfestellung ist. Damit dies für Mandantenberatung und -service keine Einschränkung bedeutet, sind sogenannte Job-Sharing-Modelle eine Möglichkeit. Hierbei teilen sich zwei oder mehr Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmer eine Stelle beziehungsweise ein Mandat. Eine andere Option, um die Zufriedenheit einerseits zu steigern und die Belastung der festangestellten Mitarbeitenden andererseits zu senken, ist der gezielte Einsatz von Projektjuristen. Diese können Spitzen in der Auslastung auffangen, sind flexibel einsetzbar für die Kanzlei und ermöglichen eine Entlastung bei hohem Arbeitsaufkommen. Gerade zeitintensive Routinetätigkeiten können so ideal aufgefangen werden. Dies schafft wiederum Raum, um Weiterbildungsmöglichkeiten wahrzunehmen und in das Knowhow der Mitarbeitenden zu investieren. Gerade in Zeiten des Arbeitsmarkts 5.0 rückt die Selbstoptimierung der Arbeitnehmer im Sinne des lebenslangen Lernens in den Fokus. Die Projektjuristen wiederum profitieren von fest planbaren Einsatzzeiträumen mit festen Wochenarbeitszeiten.

Daneben gibt es auch eine Reihe von anderen Mitteln, um mehr Agilität und Freiraum für Mitarbeitende zu schaffen. Mit der fortschreitenden Digitalisierung sind viele Tätigkeiten auch bei Juristinnen und Juristen aus dem Homeoffice möglich. Dies gepaart mit flexiblen Arbeitszeiten und Möglichkeiten des Zeitausgleichs schafft Freiräume für die Familie. Auch betriebliche Gesundheitsförderung wie Sportangebote, Rabattprogramme bei Fitnessstudios oder Mental-Health-Programme können zur Gesundheit der Mitarbeitenden beitragen und Fehlzeiten reduzieren. Wer eine längere Auszeit benötigt, kann durch ein Sabbaticalprogramm neue Kraft schöpfen und bleibt dem Unternehmen aber dennoch erhalten.

Fazit

Auch für Kanzleien bieten sich viele Chancen, Work-Life-Balance in den Arbeitsalltag zu integrieren. Dabei sollte auf jeden Mitarbeitenden und seine persönlichen Bedürfnisse und Ziele für Karriere und Familie individuell eingegangen werden. So sind einige vielleicht zufrieden mit ihrer Position und stellen die Familie mehr in den Fokus. Andere wollen beispielsweise schnell Karriere machen und sind bereit, dies durch einen erhöhten Einsatz zu erreichen. Im Endeffekt ist die Work-Life-Balance eben ein Balanceakt – ob die beiden Waagschalen dabei ausgeglichen sind, oder sich eher zur einen oder anderen Seite neigen, hängt letztlich vom persönlichen Karriere- und Lebensmodell jedes Einzelnen ab. Wer dies berücksichtigt und gemeinsam mit seinen Mitarbeitenden nach geeigneten Lösungen sucht, kann am Ende eine Win-Win-Situation für alle Seiten schaffen. Entscheidend ist dabei, auch mal den Mut zu haben, neue Wege zu gehen. Frei nach dem Motto: Wer nichts wagt, der nichts gewinnt.

[1]https://www.haufe-akademie.de/perspektiven/sinn-im-job/

[2]https://de.wikipedia.org/wiki/Work-Life-Balance

[3]https://www.lto.de/galerien/lto-umfrage-unter-jungen-juristen/

[4]https://www.perconex.de/files/assets/downloads/publikationen/PERCONEX%20Studie%202021.pdf

[5]https://www.lto.de/galerien/lto-umfrage-unter-jungen-juristen/bild/8/

[6]https://www.azur-online.de/artikel/fluktuation-in-kanzleien-vor-allem-maennliche-senior-associates-sind-auf-dem-sprung/

[7]https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/vereinbarkeit-von-familie-und-beruf-lohnt-sich-fuer-alle-109130

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