Jurist – stimmt das Image vom Job mit hohem Verdienst und wenig Freizeit?

Der Juristenberuf ist nach wie vor gefragt: Rund 166.000 zugelassene Anwältinnen und Anwälte verzeichnete die Bundesrechtsanwaltskammer 2020[1]. Bei gerade einmal 2,2 Prozent studienfachspezifischer Arbeitslosenquote[2] gilt das Jurastudium nach wir vor als sichere Bank. Doch wie sieht die Realität am Arbeitsmarkt aus? Ist der Juristenberuf wirklich noch so wie sein Image mit exzellenten Verdienstmöglichkeiten bei hohen Abstrichen in der Work-Life-Balance? Und was bedeutet dies für Kanzleien und Rechtsabteilungen bei der Bewerbersuche?

Der Arbeitsmarkt für Juristen bietet viele Chancen. So ist der Traum vieler Studienabsolventen insbesondere eine Anstellung in einer der Spitzenkanzleien – nicht zuletzt aufgrund überdurchschnittlicher Verdienstmöglichkeiten. Doch die Hürden sind entsprechend hoch. Kaum ein anderes Berufsbild ist bei Studienabschluss so sehr an Noten orientiert wie der Juristenberuf. Als Einstiegsqualifikation für einen Topjob in einer Großkanzlei wird oft ein Prädikatsexamen verlangt („voll befriedigend“ oder besser in beiden Staatsexamen). Nach der Statistik des Bundesamts[3] für Justiz für das Jahr 2018 erreichten diese Wertung im ersten Staatsexamen gerade einmal 28,4 Prozent der insgesamt 9.338 erfolgreichen Studierenden, die Noten „gut“ oder „sehr gut“ sogar nur 6,1 Prozent bzw. 0,3 Prozent der Kandidatinnen und Kandidaten. Das zweite Staatsexamen haben insgesamt 8.974 Studierende absolviert, davon mit 7.829 über 87 Prozent der Prüflinge erfolgreich. Davon konnten 17,4 Prozent der Absolventinnen und Absolventen ein „voll befriedigend“ erreichen. Nur zwei Prozent erreichten die Note „gut“ und gerade einmal 0,1 Prozent die Note „sehr gut“. Der Anteil der weiblichen Absolventinnen lag im ersten Staatsexamen bei 58,1 Prozent, im zweiten Staatsexamen bei 57,2 Prozent und damit auf dem Niveau der vergangenen fünf Jahre (56,5 bis 58,5 Prozent), wie das Bundesamt für Justiz mitteilt.

 

Was bedeutet dies für den Bewerbermarkt?

Die Ergebnisse aus den Staatsexamina lassen sich durchaus auf den aktuellen Bewerbermarkt für Juristen übertragen, zeigt unsere neueste Umfrage unter Juristen in Deutschland von 2020. So sind von den 393 Teilnehmenden der Befragung rund 47 Prozent männlich und 51 Prozent weiblich. Damit ist das Geschlechterverhältnis nahezu ausgeglichen. Beim ersten Staatsexamen erreichten die Bewerberinnen und Bewerber einen Mittelwert von 7,42 Punkten („befriedigend“). Ein „voll befriedigend“ oder besser erreichten nach eigenen Angaben 43 der 285 erhaltenen Antworten. Im zweiten Staatsexamen lag der Mittelwert der 258 Antworten bei 6,80 Punkten und 27 Kandidatinnen und Kandidaten konnten neun oder mehr Punkte vorweisen. Damit liegen die Umfrageergebnisse zwar leicht unter den Werten des Absolventenjahrgangs 2018, jedoch zeigt sich auch hier die Tendenz, dass Spitzennoten eher selten erreicht werden: Weniger als 10% aller Absolventinnen und Absolventen erreichen das begehrte Doppelprädikat. Für Kanzleien bedeutet dies eine erhebliche Konkurrenz im Kampf um die besten Kandidatinnen und Kandidaten. Jedoch legen die geringen Arbeitslosenzahlen unter Juristen nahe, dass ein differenzierterer Blick auf den juristischen Arbeitsmarkt lohnt.

 

Viele Einstiegsmöglichkeiten – verschiedene Verdienstmöglichkeiten

Neben den „Topjobs“ bietet der Arbeitsmarkt für Juraabsolventinnen und -absolventen verschiedene Möglichkeiten des Einstiegs. Die Gehaltsspanne ist dabei allerdings recht hoch. Am heißumkämpften Bewerbermarkt zahlen Großkanzleien mit über 100.000 – 140.000 EUR Jahresgehalt am meisten[4]. Neben Kanzleien unterschiedlicher Größe können aber auch Rechtsabteilungen in Unternehmen oder Behörden eine Option sein. So können Berufseinsteiger mit bis zu zwei Jahren Berufserfahrung auch bei kleineren Kanzleien oder in Unternehmen mit einem Durchschnittseinstiegsgehalt von über 50.000 EUR im Jahr rechnen. Die Perspektiven sind gut: Nach Bundesrechtsanwaltskammer verdiente ein in Vollzeit angestellter Rechtsanwalt in Deutschland 2016 im Durchschnitt 66.000 EUR brutto[5] im Jahr. Dies entspricht in etwa auch den Ergebnissen der Juristenumfrage. Nur geringfügig weniger (24,53 Prozent) gaben einen Jahresbruttoverdienst von 55-75.000 EUR an und liegen damit schon über dem Durchschnitt. Immerhin etwa ein Viertel der Teilnehmenden gab den Jahresverdienst mit 75.000 EUR und mehr an.

 

Gehalt – und was noch?

Jedoch ist auch in der Juristenbranche die Generation Y und der Wunsch nach einer ausgeglichenen Work-Life-Balance längst angekommen. Dies zeigt sich auch in den Prioritäten der Befragten bei der Berufsentscheidung: Rund 46 Prozent stuften den Aspekt „Work-Life-Balance“ als ein „Must Have“ ein.Damit liegt dies sogar noch vor einer attraktiven Vergütung mit 45 Prozent. Damit müssen sich die HR-Beauftragten in vor allem Kanzleien auseinandersetzen. Denn nicht alle Bewerberinnen und Bewerber teilen die Ansicht, dass eine 40-Stunden-Woche angeblich eine Teilzeitstelle ist – egal, wie hoch der Verdienst auch sein mag. So wurden flexible Arbeitszeiten sowie Möglichkeiten zur Aus- und Fortbildung von den befragten Juristen ebenfalls als wichtige Kriterien bei der Jobwahl eingestuft. Um sich ein Bild ihres potenziellen zukünftigen Arbeitgebers zu machen, konsultieren über 80 Prozent der Befragten Internetbewertungen.

 

Was heißt dies für Arbeitgeber auf Kandidatensuche?

Die Zahl der Absolventen im Jurastudium steigt nur leicht, während die Nachfrage nach Juristen mit doppeltem Prädikat weiterhin hoch ist. Dadurch stehen Arbeitgeber nach wie vor unter enormem Konkurrenzdruck. Nicht jede Kanzlei kann allein über die Vergütung geeignete Kandidaten locken. Hier lohnt sich ein Blick auf Zusatzleistungen und flexiblere Arbeitszeitmodelle sowie eine durchdachte Employer-Branding-Strategie. Darüber hinaus stellt die steigende Komplexität und auch Vielseitigkeit der juristischen Aufgaben Arbeitgeber vor große Herausforderungen bei der Personalsuche. Hier kann die Zusammenarbeit über einen Personaldienstleister sinnvoll sein, um die für das Projekt passenden Kandidaten zu finden und so einen guten Personalmix im Rechtswesen abzudecken. Arbeitgeber können so ohne großen Aufwand geeignete Kandidaten on-the-job einsetzen und so den für sie geeignetsten finden – eine Chance, die es ohne Doppelprädikat „voll befriedigend“ als Direkteinstellung vielleicht nicht gegeben hätte.

Der juristische Arbeitsmarkt ist also in Bewegung – so viel ist klar. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob und wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit diesen Herausforderungen umgehen: Wie reagieren die Top-Kanzleien? Wird die Work-Life-Balance zum entscheidenden Auswahlkriterium bei der Jobsuche oder bleibt es das Gehalt? Gelingt es Kanzleien, andere Wege für das Recruiting von Spitzenkräften zu finden abseits von Abschlussnoten wie durch Training-on-the-Job? Und wie wird sich die Employer-Branding-Strategie insbesondere von Kanzleien entwickeln? Wie gelingt es Kanzleien, beliebte Buzzwords aus Stellenanzeigen mit Leben zu füllen? Können sie die Erwartungen der Bewerber durch neue Prozesse und Know-how im Personalmanagement auch erfüllen und so nicht nur neue Bewerber gewinnen, sondern auch Spitzenkräfte halten?

 

 

[1]https://brak.de/w/files/04_fuer_journalisten/statistiken/2020/entwicklung_zugelasene_rae_zahlen_2020.pdf

[2]https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statischer-Content/Statistiken/Themen-im-Fokus/Berufe/Generische-Publikationen/Broschuere-Akademiker.pdf?__blob=publicationFile&v=4

[3]https://www.bundesjustizamt.de/DE/SharedDocs/Publikationen/Justizstatistik/Juristenausbildung_2018.pdf;jsessionid=B445E3F16FC767F9860F83497AFDC67B.2_cid392?__blob=publicationFile&v=2

[4]https://www.lto-karriere.de/jura-studium/stories/detail/einstiegsgehaelter-juristen-beruf-kanzleien-unternehmen

[5]https://www.beck-stellenmarkt.de/ratgeber/karriere/der-juristische-arbeitsmarkt/gehalt-von-juristen-wie-viel-geld-verdienen-sie-0

Zurück