Personalstrategie für die Kanzlei der Zukunft

Der Rechtsmarkt gilt als relativ stabil und eher träge, was Veränderungen angeht. Doch schon vor der Corona-Krise haben sich deutliche Trends abgezeichnet, die das Kanzleiwesen nachhaltig verändern werden – und die durch die Krise zum Teil noch verstärkt wurden. Und was heißt dies für das Personalmanagement?


Ein Blick in das Jahr 2030 zeigt: Kanzleien sind flexibler, effizienter und ihre Dienstleistungen durch erhöhten Wettbewerb günstiger geworden. So in etwa sieht das Zukunftsszenario aus, dass die Studie des Deutschen Anwaltsvereins für das Jahr 2030 malt1. Dabei sehen sich die Kanzleien einem erhöhten Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Dieser entsteht nicht nur durch Effekte der Globalisierung, sondern auch durch den verstärkten Markteintritt von Anbietern, die aus anderen Branchen auf den Markt für außergerichtliche Rechtsdienstleistungen drängen, wie die Big Four, Versicherungen und Banken.

 

Quo vadis Anwaltskanzlei?

Um hier auch in Zukunft im Wettbewerb zu bestehen, müssen Kanzleien vermehrt klassische Managementstrategien anwenden. Dazu gehören neben Marketingmaßnahmen vor allem eine geeignete strategische Positionierung. Welche Dienstleistungen sind die richtigen? Und womit lässt sich auch in Zukunft noch Geld verdienen? Laut JUVE Handbuch2 wird sich die Nachfrage nach externer Rechtsberatung bis 2030 weg von klassischen M&A-Aufträgen hin zu Compliance und Litigation bewegen. Auch Risikoanalysen werden immer gefragter: Basierend auf solchen Legal-Risk-Analysen optimieren Unternehmen in Zukunft verstärkt ihre Personalstruktur und ihre Prozesse. Während also bei M&A kaum noch eine Steigerung bei Stundensätzen möglich ist, erfordern fortschreitende Regulierung und Aufsicht auf EU- und nationaler Ebene sowie ein erhöhter gesellschaftlicher Druck die Aufmerksamkeit der Unternehmen. Kanzleien können hier bei komplexen und neuen Fragestellungen gerade im Bereich Compliance und Datenschutz sowie Umweltrecht beraten und unterstützen, sollte es doch einmal zu Schwierigkeiten kommen, so Leo Staub, Professor emeritus und ehemaliger Leiter der Executive School, Law & Management an der Universität St. Gallen3.

 

Effizient, effizienter, Legal Tech?

Erhöhter Wettbewerb erzeugt aber auch erhöhten Kostendruck. Kanzleien und Rechtsabteilungen in Unternehmen setzen daher verstärkt IT-Tools ein, um die Effizienz zu erhöhen. Unter dem Begriff Legal Tech entwickelt sich hier die Branche rasant voran: Automatisierte Erstellung von Verträgen, elektronische Recherche und künstliche Intelligenz sind nur einige der Schlagwörter, die im Digitalisierungsprozess des Rechtswesens Einzug halten. Nach Einschätzung von Prof. Staub ist es gerade für kleinere Kanzleien noch schwer, fundiert zu entscheiden, welcher Trend sich durchsetzt und wo sich eine Investition langfristig lohnt. Denn die Qualität muss am Ende dennoch stimmen. Hier ist speziell ausgebildetes Personal notwendig.

 

Der Faktor Mensch

Das Beispiel Legal Tech ist nur eines von vielen, bei denen klar wird: Gut ausgebildetes und fachkundiges Personal ist der entscheidende Erfolgsfaktor. Die Mandantschaft erwartet kompetente, aber dennoch kostengünstige Beratung. Wie sieht hier der richtige Personalmix für die Zukunft der Kanzleien aus? JUVE hat hier eine klare Antwort: Ohne Servicecenter und den Einsatz von Projektjuristinnen und Projektjuristen wird keine Kanzlei in Zukunft mehr erfolgreich sein. Was zunächst nach einem praktikablen Modell nur für Großkanzleien aussieht, lohnt jedoch einer genaueren Betrachtung.

Noch immer ist der juristische Personalmarkt hart umkämpft. Juristinnen und Juristen mit Berufserfahrung sowie Absolventinnen und Absolventen mit Spitzennoten sind nach wie vor sehr gefragt. Wer nicht wie die Großkanzleien kompetitive Gehälter anbieten kann, muss hier umdenken und Alternativen bereithalten. Eine gute Personalstrategie ist hier der Einsatz von Projektjuristinnen und -juristen, auch kombiniert mit Softwarelösungen. Projektjuristinnen und -juristen können helfen, komplexe Mandate effizient zu bearbeiten. Zudem kann über einen externen Personaldienstleister auch Unterstützung für spezielle Rechtsgebiete angefragt werden, die vielleicht nur für ein Mandat benötigt wird. Während die Kanzlei so flexibel agieren und Auslastungsspitzen auffangen kann, trägt der Projektjurist oder die Projektjuristin zur Entlastung im Arbeitsvolumen bei. Oft genug ergeben sich hier auch attraktive Karrierechancen abseits der klassischen Associate-Laufbahn.

Zu einer strategischen Personalplanung gehört ebenfalls der Einsatz eines sogenannten Baukastenprinzips. Projekte werden nicht nur komplexer, sondern auch in sich vielfältiger. So muss nicht ein Projekt von Anfang bis Ende nur durch hochqualifiziertes Personal bearbeitet werden. In der Regel lassen sich circa 80 Prozent der anfallenden Arbeiten durch weniger qualifiziertes Personal und rund 20 Prozent durch den Einsatz von Spezialisten am effizientesten bewältigen. Hinzu kommt hier auch das Thema Legal Tech: Bereits heute können Projekte IT-gestützt deutlich effizienter bearbeitet werden. Die Kombination Mensch-Maschine kann vor allem für Standardaufgaben wie das Abgleichen von Verträgen sinnvoll sein. Dabei geht es nicht darum, den Anwaltsberuf abzuschaffen – eher sollen Kapazitäten für die wirklich kniffligen Fragen geschaffen werden4. Davon profitieren nicht nur die Kanzleien, sondern letztlich auch die Mandantschaft.

Und noch ein weiterer Aspekt darf hier nicht vernachlässigt werden: Auch bei Juristinnen und Juristen findet ein Umdenken in Bezug auf die Art und Weise statt, wie sie arbeiten wollen. Wer im Kampf mit Großkanzleien und Legal Tech Startups um die klügsten Köpfe in Zukunft bestehen will, muss flexibel, technologieaffin sowie schnell agieren können und auf die Bedürfnisse der Nachwuchskräfte eingehen. Mit einer gut aufgestellten Personalstrategie können Kanzleien diesen Anforderungen gelassen entgegensehen und das nächste Jahrzehnt kann kommen.

 

1 https://anwaltverein.de/de/anwaltspraxis/dav-zukunftsstudie

2 https://www.juve.de/handbuch/de/kanzleien-auf-dem-weg-zu-einer-neuen-normalitaet

3 https://lam.unisg.ch/wp-content/uploads/2019/07/SoZe_LeoStaub_30.6.2019.pdf

4 https://www.lto.de/fileadmin/files/files/statische_seiten/presse/Mensch_vs._Maschine
__Die_Zukunft_juristischer_Arbeit.pdf

 

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